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Galerie Förster

Robert Sturmhoevel

vanity [fun] fair - Malerei, Zeichnung und Installation

14. Dezember 2012 - 26. Januar 2013

 

Idyllische Abgründe

Harlekins, Modellflugzeuge, Zinnsoldaten – Versatzstücke kindlicher Bildwelten – treffen in Robert Sturmhoevels Gemälden auf Abgründiges. In seinen großformatigen Aquarellen und Leinwänden verdichtet der junge Berliner Maler Erinnertes und Erlebtes, Erfundenes und Erträumtes zu komplexen Erzählungen, die in ihrer Doppeldeutigkeit an ironische Landschaftsidyllen der Romantik erinnern.

Die Idylle erscheint hier nicht als ungebrochenes Ideal oder Gegenentwurf, sondern als überhöhte und gebrochene
Idee, die Idyllisches und Antiidyllisches verknüpft. So treten an die Stelle arkadischer Landschaften leer stehende Fabrikhallen, Abrisshäuser und heruntergekommene Jahrmarktbuden. Motive, die von Verfall, Zerstörung und dem Vergessen erzählen und die der Künstler als "Erinnerungsmomente" beschreibt.

Als Vorlage für die Konstruktion seiner Bildräume dienen Robert Sturmhoevel Fotografien, eigene Fotografien, was wichtig ist, da sie stets mit einem Erlebnis, einer Idee verknüpft sind. "Erzählen die Bilder selbst bereits die ganze Geschichte, werden es Fotoarbeiten", so der Künstler. Er sucht nach Leerstellen und Brüchen.

Die Räume, in denen sich die meist kindlichen Protagonisten bewegen, scheinen vertraut und bleiben doch unbestimmt. Sie entpuppen sich nicht selten als Collagen, in denen sich teils widersprüchliche Elemente überlagern: Wie in der Studie"Autoscooter 2", in der die Kabine eines Fahrgeschäfts mitten in einem verfallenen Industriegebäude auftaucht und die Szene so, aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gerissen, seltsam ort- und zeitlos erscheint.

Der Künstler verweist in diesem Zusammenhang auf den Begriff der "Heterotopien", jene bei Foucault und Lefevbre beschriebenen "anderen Orte", die u.a. durch "kulturelle Relevanz, funktionale Veränderbarkeit" und die "Integration von Unvereinbarem"(1) gekennzeichnet sind. "Orte außerhalb aller Orte" (2), wie es bei Foucault heißt.

Eben diese Unvereinbarkeiten sind es, die sich wie ein roter Faden durch das bildnerische Schaffen des jungen Künstlers ziehen, das sich stets zwischen kindlicher Idylle und düsterer Hintergründigkeit, zwischen Kitsch und Abgründigkeit bewegt. Und sich so nicht zuletzt einer eindeutigen Lesart versucht zu verweigern.

Auch die Protagonisten in Robert Sturmhoevels Bildern entziehen sich häufig dem Blick des Betrachters – sie wenden ihr Gesicht ab, verstecken sich oder bleiben ganz in ihr unschuldiges (oder doch folgenreiches?) Spiel vertieft. Sie wirken abwesend, wie ausgesetzt. Und doch bilden sie den Dreh- und Angelpunkt einer Erzählung, die um so mehr Brüche aufzuweisen scheint, je mehr man versucht sich ihr zu nähern.

Muster zeichnen sich in den Arbeiten ab und über- oder unterlagern die Bildräume, wie Spuren einer freigelegten Tapete, wie Erinnerungen, im Auflösen begriffen.

Robert Sturmhoevel komponiert seine Bilder auf Grundlage eines Repertoires an Elementen, die er in einem klar umrissenen Arbeitsablauf entwirft, ausformuliert und – ein Begriff, den der Künstler oft verwendet, wenn er über seine Arbeiten spricht – "missbraucht". Am Anfang dieses Prozesses stehen kleinformatige Zeichnungen, Skizzen, in denen das Vokabular der Erzählungen festgelegt wird, die in den Aquarellstudien und schließlich in den Leinwandarbeiten ausformuliert und fixiert werden.

Die aktuelle Serie von 50 kleinformatigen Leinwänden, die unter dem Titel "Zielscheiben" einen Großteil der aktuellen Ausstellungen in Berlin, Hamburg und London einnehmen wird, nimmt in diesem Ablauf eine Sonderstellung ein. Anders als in den Großformaten stehen hier einzelne Elemente im Fokus: Luftballons, Wasserpistolen, Tapetenmuster, Farbschlieren.

Die "Zielscheiben" werfen einen Blick auf die eigene Farbpalette, das eigene Formvokabular und deklinieren Möglichkeiten durch, einzelne Elemente zueinander in Bezug zu setzen. Im Bild. Aber auch zwischen den Bildern, indem sie – je nach Hängung – in einen neuen Dialog gebracht werden können.

In ihnen tritt die Malerei in den Vordergrund, während die Narration sich in spontanen Gesten und Mustern aufzulösen beginnt. Ornament und Abstraktion gewinnen an Bedeutung. Abgründig bleibt es.

1 Beatrice von Bismarck, Hoffnungsträger - Foucault und de Certeau, in: Texte zur Kunst, Nr. 47, Berlin 2002.
2 Michel Foucault, Andere Räume, in: Martin Wentz (Hg.), Stadt-Räume, Frankfurt/New York: 1991.

Kim-André Schulz

 

Interview zur Ausstellung "INDEX 12"

Neben Ihren Aquarellen zeigen Sie auf der index-Ausstellung auch ein stark mitgenommenes Papp-Karussell. Gibt es einen Bezug zwischen diesem gefundenen Objekt und Ihrer Malerei?

Bei der Arbeit handelt es sich um ein Experiment aus dem Wunsch heraus, traditionelle Malerei im Schichtaufbau zu hinterfragen. Ich hatte mich also gefragt, wie die vielen Farbschichten und Farbunterschiede auf ein Objekt reagieren würden, also skulpturale Formgebung durch malerische Anwendung.

Warum ein Karussell?

Das Karussell war ein Zufall, da ich nach etwas aus Pappe gesucht hatte. Erst wollte ich etwas selbst konstruieren, doch dann ist mir der Bausatz von Hasbro aus den Neunzigern in die Hände gefallen. Ein glücklicher Zufall also, denn Farben und Ästhetik haben meiner zu diesem Zeitpunkt aufkommenden und auch heute noch gültigen Farbpalette entsprochen. Hinzu kam, dass es sich um ein benutzbares
Kinderspielzeug handelt, sobald die über 800 Einzelteile erst mal zusammengesetzt sind. Kurz gesagt dieser Bausatz eines Spielzeugs passte perfekt in meine Bilderwelt. Dann bin ich eigentlich nur nach traditionellem Schichtaufbau vorgegangen, also im Sinne einer Grundierung, Imprimitur, Untermalung, Lasuren und dann Übermalung. Die Farben wurden alle so verwendet, wie ich es auch auf einer
Leinwand machen würde.

Vergleicht man das Karussell mit den Aquarellbildern, könnte man eine Auflösung des Bildraums in einzelne Fragmente erkennen?

Das ist bei meiner Arbeitsweise ganz natürlich. Meine Bildmotive setzen sich aus einer Vielzahl narrativer Elemente mit komplexen und ineinander verschränkten Ebenen zusammen, die ihren Ursprung in humoristischen und ironischen Idyllen der Romantik zu haben scheinen. Denn gleichermaßen verwende ich auch Indizien, die Momente der Angst, Verstörung, Melancholie und des Verfalls verkörpern. Sie sind mit den idyllischen Bildräumen verwoben und bestärken sich gegenseitig. So entstehen Bilder, die entweder
unerträglich kitschige oder aber erschreckend abgründige subjektive Vorstellungen provozieren. Es sind also romantische, unschuldige Erzählungen mit einem denkbar persönlichen und gleichzeitig anonym konstruierten Hintergrund, welche ich in ihrer ganzen Instabilität darstellen möchte. Beim Karussell erschien mir die unberührte Seite schöner und kitschiger. Schon nach kurzer Zeit ließ sich beim Arbeiten erkennen, wie es sich verformen würde und ich reagierte intuitiv mit den Farbtönen, denn ich sah einen zunehmenden Verfall darin.

Eine Spontaneität, die man bei der Genauigkeit Ihrer Kompositionen zunächst nicht unbedingt erwarten würde...

Solche Entscheidungen kommen in meinem Arbeitsprozess häufiger vor, immer mit dem Ziel, die Balance zwischen Idylle und Melancholie zu erhalten. Die Aquarellstudien muss ich hier jedoch ausklammern, da sie vorrangig der Suche nach Bezügen und Komposition dienen. Die Farbfindung aus gebrochenen und bunten "Bonbonfarben" ist dann eher störend. Genau betrachtet, ist der Schaffensprozess meiner Bilder wohl auch als fragmentarisch anzusehen.

Kaputtes Spielzeug und Zersetzungsprozess werden nicht als Gesten der Zerstörung inszeniert, eher von Ihnen als sorgfältig ausgeführte malerische Prozedur beschrieben. Lässt das darauf schließen, dass Sie Ihr Vorgehen als einen rein formalen Prozess verstanden wissen wollen?

Nein, das würde ich so nicht sagen. Eine zweideutige Erzählung lässt sich nicht durch formale Überlegungen erzeugen. Natürlich spielt hier auch meine eigene intuitive Wahrnehmung eine Rolle. Das gilt für mich sowohl in malerischer als auch narrativer Hinsicht. Das eine wird durch das andere geprägt und führt bei mir auch zu experimentierfreudigen Ansätzen. Eine spezifische malerische Intention wird vom erzählerischen Moment sogar gefordert.

Spielzeug, Karussell, Zirkus, Jahrmarkt... die Motive Ihrer Bilder führen weg von der Alltagswelt. Die Kompositionen strahlen eine Leichtigkeit und Offenheit aus, und sind gleichzeitig geprägt von Akribie und kontrolliertem Bildaufbau. Lässt sich daraus auch eine bestimmte Kunstauffassung des Künstlers ableiten?

Die Szenerien meiner Motive werden erst durch mein Eingreifen zu jenen jahrmarktähnlichen Orten. Ihr Ursprung liegt sehr wohl in der Alltagswelt. Jedoch sind sie von mir stets verlassen vorgefunden worden und in Vergessenheit geraten. Solche Orte ziehen mich magisch an und wecken in mir immer Erzählungsbedarf. Wenn ein Bild nichts anderes zeigt als das, was wir mit unseren Augen zu sehen
gewohnt sind, dann bleibt an den Arbeiten nichts mehr zu entdecken. Was eine Arbeit erst interessant macht, ist für mich nicht das Motiv oder deren geschickte Art der malerischen Durchführung, sondern es ist das, was hinter dem augenfällig Bildmäßigen liegt und dessen man sich erst beim zweiten Blick bewusst werden kann.

(Die Fragen stellte Elena Winkel.)