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Galerie Förster

Nina Neumaier

Palmen - Neue Hinterglasmalerei

Ein Gespräch mit Nina Neumaier, geführt von Andreas Reidemeister

Du hast deiner Ausstellung den Titel "Palmen" gegeben. Ist das die Folge des sogenannten "Brenner-Effekts", die südliche Überwältigung, die wir Norddeutschen alle erleben, wenn wir den Jura, die Alpen hinter uns lassen?

Im Grunde war es natürlich schon eine Art südliche Überwältigung, die ich als "Artist in Residence" in Collioure in Südfrankreich erlebte. Ich lebte sozusagen in einer großen Palme, die mir ins Appartement hineinwuchs. Das war jeden Tag ein imposanter Eindruck. Diese Dattelpalme hat sich mir im positiven Sinn aufgedrängt, wollte permanent von mir wahrgenommen werden.

Und dann habe ich den kleinen, privaten botanischen Garten dort gefunden. Er zieht anscheinend Künstler magisch an. Hundert Jahre vor mir hat ihn Henri Matisse entdeckt und gefragt, ob er dort in der Villa sein Atelier haben dürfe. Er durfte und hat dort 1907 den großen Blauen Akt gemalt mit zwei Palmen im Hintergrund. Wenn man in diesem Garten gewesen ist, weiß man, warum Künstler die Palmen nicht loslassen oder umgekehrt.

In diesem versteckten Palmengarten hatte ein Forscher, Charles Naudin, Ende des 19. Jahrhunderts die unterschiedlichsten Palmen aus aller Welt angesiedelt, eine eigene Bewässerungsanlage installiert und seine Forschungen betrieben. Auffallend ist die riesengroße Kokospalme. Man muss den Kopf in den Nacken legen, um weit oben ihren Schopf zu sehen! Sie ist über hundert Jahre alt und trägt seit ein paar Jahren Früchte, das sind sehr kleine Kokosnüsse, ganz ungewöhnlich für das Mittelmeer. Da kommen dann die Kinder, die Entdecker der Geheimnisse, und stopfen sich die Taschen voll mit den Früchten.

In dieser mächtigen Kokospalme habe ich das erste Mal die „Boote“ gesehen. Das sind Spathen, sogenannte Hüllblätter, aber holzig und sehr schwer, die über zwei Meter lang werden. Das war sehr beeindruckend, diese Boote da oben in schwindelnder Höhe in wiegenden Palmwedeln! Dieser Ort hatte überhaupt eine große Kraft und Ausstrahlung, und das war wohl mit der Auslöser für diese künstlerischen Arbeiten.

Die Palme ist ja eine göttliche Pflanze. Sie spricht vom Sieg und sie spricht vom ewigen Leben, das wird ihr zumindest angedichtet. Nüchtern betrachtet, ist sie ein geordnetes strukturelles Gebilde, mit Rippen und Regelmäßigkeit und sehr systematisch. Du sagst nun, die Palme ist ein schwieriges Sujet. Was meinst du damit?

Ich denke, die Palme will sich jeder Festmachung, jeder Handhabung durch Bewegung entziehen. Und mir scheint, auch der künstlerischen, jedenfalls einem Künstler, der nicht nur abbilden will. Sie macht es einem schwer. Sie ist symmetrisch, geometrisch, hat einen geraden Stamm und einen Schopf, regelmäßige Blätter. Und sie ist sehr, sehr klischeebehaftet. Ich arbeite normalerweise viel und gern mit Flächen. Die Palme, um Palme zu bleiben, ruft aber immer nach Linien. Das alles erschwert eine künstlerische Bildfindung. Das war die Herausforderung. Manchmal hat mich die Palme darum wirklich auf die Palme gebracht! Ich habe um meine Aussage, meine Formulierung mit ihr, mit mir gerungen.

Nun hast du aber sehr geschickt nur einen Ausschnitt gewählt. Die gesamte Palme kommt ja nicht vor. Ich war darauf vorbereitet, dass hier Palmenwälder stehen mit ausgeschnittenen Konturen und nun sind es - neben dem „Palmarium“ mit kleinen Landschaften - sozusagen Details, charakteristische Ausschnitte einer oft ausgefransten Palme. Ich kenne Palmen am Lago Maggiore, die sind so mitgenommen, dass sie einem leid tun können. Oben sind ein paar frische Blätter, unten sind sie vertrocknet, aber sie leben. Was sind das für Blätter, die du malst?

Ich male, wenn du so willst, die lebendigen, vom Wind beherrschten Wedel. Es geht mir dabei um das farbige Spiel von Licht, Schatten und Bewegung, den Rhythmus des Windes, seine Folgen, seine kurze Zeit für Veränderung. Darüber hinaus geht es um die Auflösung dieser auf den ersten Blick so geordneten Regelmäßigkeit und Perfektion hin zu einem natürlichen schönen Chaos.

Du teilst zweifelsohne etwas Palmenartiges mit. Aber es gibt nicht wirklich Palmen, unsere Palmen. Als spontaner Betrachter fragt man sich, wie es zu der Ausschnitthaftigkeit dieser großen Formate gekommen ist. Es scheint ein bewusster Entschluss gewesen zu sein.

Ja, ich bediene nicht die Erwartungen. Die Standardansichten sind überall präsent. Aber mir geht es um Bilder, nicht um Images. Ich neige immer schon dazu, Teile auszuschneiden, und zu beleuchten. Ich bin jemand, der sehr gerne ins Detail geht. Das war schon so bei den Arbeiten zur Architektur der Blüte. Hier bei den „Palmerischen Momenten“ bewege ich mich im mittleren Größenbereich. Der Betrachter macht für sich selbst seine komplette Palme, wenn er will. Eigentlich nimmt man die Palme ja selten als Ganzes wahr. Ihre ganze Gestalt sieht man nur von ferne. Mir ging es nie darum, eine ganze Palme zu malen.

Reisebüros hätten das gerne... dass sich die Palme über den Strand neigt... vorne ist eine sichtbar, die anderen angeschnitten...

Jaja, diese Bilder hat jeder sofort abrufbereit im Kopf. Aber die genaue Beobachtung, das wirkliche Hinsehen, das ist eine andere Sache. In der Nähe der Palme bekommt man, wenn man sich auf sie einlässt, den meditativen Blick. Man wandert mit den Augen von Wedel zu Wedel, man schaut sich an, wie sie geflochten, verflochten sind, wie sie hängen, wie sie übereinander liegen, wie sie selbsttätig ihre eigene Ordnung verändern. Man studiert das südliche Licht und die faszinierenden grafischen Schattenwürfe. Auf dem Hintergrund dieser Erfahrungen entstehen die inneren Bilder, die dann von Stillstand und Bewegung erzählen, vom wiegenden Gefieder und auszubreitenden Fächern. Ich finde, dass so viel Wunder und Schönheit im Kleinen zu entdecken ist und dass sich darüber das große Ganze findet.

Deine Hinterglasmalerei hat nicht viel gemein mit der herkömmlichen. Allenfalls eine gewisse maltechnische Ähnlichkeit. Nach wie vor wird das Bild umgekehrt und seitenverkehrt aufgebaut. Das seitenverkehrte Arbeiten ist dabei noch das geringere Problem.

Ja, das stimmt. Am schwierigsten ist tatsächlich der umgekehrte Aufbau. Es ist ein komplexer Arbeitsprozess im Gegensatz zur herkömmlichen Hinterglasmalerei, die innerhalb von klaren Konturen deckende Farben aufweist. Im Selbststudium habe ich mir diese Technik über Jahre angeeignet. Mit vielen lasierenden Schichten entstehen die sorgfältig durchgearbeiteten Flächen. Man muss bei diesem Vorgehen sehr viel über Konsistenz und Transparenz des Materials wissen. Ich beginne mit den eigentlich abschließenden Lasuren und Lichtern und hinterlege nach und nach das Bild bis zum Hintergrund.

Du malst also von vorne nach hinten. Beim Malen gehst du immer wieder von hinten nach vorne vor das Bild und kontrollierst den Malvorgang, schaust, ob er wirklich wirksam ist, so wie du ihn dir vorgestellt hast?

Genau. Ich bewege mich um das Bild herum, bei den kleineren kann ich es immer wieder umdrehen und dann sehen, was ich gemacht habe.

Wobei das ein intuitiver Vorgang ist...

Intuitiv, ja, bedingt... ich muss zugleich sehr schnell kontrollieren, denn wenn die Schicht erst einmal trocken ist, lässt sich nichts mehr ändern. Das ist das große Risiko! Wenn ich Fehler mit dem Farbauftrag mache, ist das Bild fertig, bevor es fertig ist, und ich kann es vergessen. Ich kann nicht wie bei der Leinwandmalerei etwas nachträglich korrigieren und übermalen, oder anders akzentuieren. Das heißt, spontanes Arbeiten ist nur bedingt möglich. Meine Bilder können zwar spontan und lebendig wirken, sind aber doch sehr bedacht und geplant. Die beiden Gehirnhälften sind bei der Arbeit abwechselnd in Aktion. Im Grunde springe ich mit hoher Konzentration zwischen technischer Notwendigkeit und künstlerischer Intuition, zwischen Ratio und Gefühl hin und her...

Es ist vielleicht vergleichbar mit der Komplikation des farbigen Holzschnitts, wo man das Resultat nicht wirklich vorhersehen kann.

Ja, weil man das Ergebnis nicht wirklich kennen kann...Ich arbeite seit langer Zeit mit dieser Glasmaltechnik und natürlich gewinnt man da seine Erfahrungswerte. Es ist gefährlich und nie in der Gänze vorhersehbar. Und so ist man immer gespannt, wie es wirkt, was man gerade mit dem Pinsel gemacht hat. Und dabei gibt es dann immer Überraschungen der einen oder anderen Art.

Wann hast du das erste Mal hinter Glas gearbeitet und wie bist du darauf gekommen?

Meine ersten Hinterglasbilder habe ich 1995 in Venedig ausgestellt. Ich habe eine Installation zum Thema Kirche gezeigt. Diese Malerei hat ja ihre Wurzeln im religiösen Bereich. Ich habe damals sozusagen die Hinterglasmalerei aus dem angestammten Bereich herausgezogen, und von Süddeutschland in die Glasstadt Venedig exportiert, in einer Zeit, als auch dort auf Murano künstlerische Experimente angefangen haben. Aber auch schon damals habe ich andere, also keine religiösen Sujets gewählt.

Hast du schon einmal an den Einsatz deiner Hinterglasbilder, die so räumlich erscheinen, in der Architektur gedacht?

Ja, eine Arbeit auf einen Raum zu beziehen, würde mich interessieren. Voraussetzung wäre, einen Raum mit unterschiedlichen Lichtsituationen zu finden, in dem Reflexe lebendig werden und mit der Malerei in Dialog treten könnten.

Warum nennst du deine Bilder „Neue Hinterglasmalerei“?

Die Hinterglasmalerei ist eine alte, vom Vergessen bedrohte künstlerische Technik. Ende des 19 Jahrhunderts ist sie untergegangen. Durch den Blauen Reiter, durch Wassily Kandinsky und Gabriele Münter hat sie in Oberbayern kurzzeitig eine Wertschätzung erfahren, ist dann aber wieder verschwunden. Heute wird sie nur noch in Hobbykursen mit der Tradierung von alten, volkstümlichen Motiven weitergereicht. Ich habe die Hinterglasmalerei als künstlerisches Ausdrucksmittel wiederentdeckt und sozusagen neu übersetzt. Ich versuche sie aus ihrer Starrheit und Verhaftung im Volkstümlichen zu befreien und sie auf neue, moderne Art weiterzuentwickeln. Ich arbeite mit Acryl und Lack auf Plexiglas, in viel größeren Formaten und ich habe, wie man sehen kann, völlig andere Bildinhalte. Die „Neue Hinterglasmalerei“ ist immer noch sehr aufwändig, riskant und keine schnelle Malerei. Das liegt mir sehr und es ist mein Beitrag zur Entschleunigung der Welt.

Was ist der wesentliche Unterschied zur Malerei auf Leinwand?

Das ist ganz eindeutig die unübertreffliche Leuchtkraft der Farben. Ich bin eine Malerin der Farbe und so kommt mir das Gläserne sehr entgegen und überhöht quasi meine Arbeit. Die Brillanz der Oberfläche, das Spiel der Reflexe auf dem Bild ist einfach wunderbar, um in der sakralen Sprache zu sprechen. Früher gab es nur Glas mit Unebenheiten und Lufteinschlüssen. Dadurch entstand etwas Geheimnisvolles, Mysteriöses mit den gemalten Heiligen. Etwas davon scheint mir immer noch geblieben, auch wenn es heute die perfekte Oberfläche gibt. Es entstehen durch sie auch der perfekte Glanz und die ungeheure Leuchtkraft. Vielleicht ist es eine perfekte Schönheit, die durch die Ästhetik des Transparenten hervorgebracht wird?

Man möchte natürlich gerne hinter das Geheimnis kommen...Die Distanz verändert sich. Mir ist, als ob in den Schwarzbereichen durch die Materialschicht von ein paar Millimetern Glas eine gewisse Tiefe entsteht. Unser Auge hilft dabei, sieht die Tiefe und hebt den Reiz der gemalten Fläche. Die Reflexe sind auf dem Glas, ohne dass das Bild zerstört wird oder verloren geht.

Ja, es entsteht eine gewisse Lebendigkeit. Früher wurden die Heiligen vielleicht bei längerem, konzentrierten Hinschauen für die Betrachter lebendig, wer weiß? Heute bewegen sich vielleicht meine Palmen wieder im Wind, und wir können die südliche Überwältigung, wenn wir wollen, auch hier haben. Ja, das wäre schön: hinter das Geheimnis kommen...hinter das Glas...

Berlin, Februar 2008