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Galerie Förster

Uli Weigelt

Anselm Neft

Lebenslänglich

Ich habe gehört, dass meine Zelle eine der komfortabelsten ist. Groß wie eine Zweierzelle, aber nur für mich. Eine vom Gang nicht einsehbare Toilette. Eine Duschkabine. Auch nicht einsehbar. Videoüberwacht, aber vom Gang nicht einsehbar. Ein Tisch, ein Stuhl zum Fenster hin. Eine gute Aussicht. Eine der besten, habe ich gehört. Auf dem Stuhl sitzend kann ich bewaldete Hügel sehen. Wenn ich auf dem Bett liege, auch. Nachts blendet der Scheinwerfer, wenn ich nach draußen sehe. Das Bett ist gut. Lang genug. Eine ordentliche Matratze, nicht weich, nicht durchgelegen. Es gibt ein Kabinett für Habseligkeiten: Wäsche, die Bibel, Pornohefte, meine Fotos. Natürlich sind alle Gegenstände aus Materialien, mit denen man ihrer Ansicht nach niemanden verletzen kann. Eine Dusche wie meine ist teuer. Ich kann den Duschkopf nicht herausnehmen. Ich könnte auch kein Seil daran befestigen, wenn ich ein Seil hätte. Wenn man sich aufhängen will, reicht eine Befestigungsmöglichkeit auf Türklinkenhöhe. Aber es gibt keine Türklinke. Ob man sich mit Fotos die Pulsadern aufschneiden kann, bezweifle ich. Ich werde es nie versuchen. Der Gedanke, mich zu töten, ist mir fremd. Ich schätze, das ist auch nicht die Sorge der Wärter. Die Zelle kann mit einem Schlauch schnell und einfach gereinigt werden, wie die Zimmer eines Etap-Hotels. Die Wärter fürchten sich davor, dass ich sie töte. Sie würden mir nie einen Kugelschreiber oder eine Porzellantasse geben.

Man kann sich eine Weile die Zeit damit vertreiben, die Zelleneinrichtung auf ihr Verletzungspotenzial zu überprüfen. Ein bis zwei Tage von vielleicht 10.000. Je nachdem, wie alt man wird. Bei mir bedeutet lebenslänglich nicht, dass ich in 15 oder 20 Jahren da weiter machen kann, wo ich aufgehört habe. Bei mir ist lebenslänglich wörtlich gemeint. Das bekommen nicht viele. Einzelzellen bekommen zurzeit wegen Überbelegung auch nicht viele. Dabei hat meine komfortable Unterbringung nichts mit einer Gerechtigkeit zu tun, wo die Netteren das Nettere und die weniger Netten das weniger Nette bekommen. Es geht darum, dass ich bei Laune gehalten werde, dass ich kooperiere. Jemand wie ich kann einen ganzen Knast in Atem halten. Es gibt nie genug Aufseher, geschultes Personal. Manches kann man nicht lernen. Sicherheitsglas mit der Faust zu zertrümmern, den Draht herauszureißen und damit das Genick eines Psychologen zu brechen: So etwas kann man nicht lernen. Das ist mehr Talent als Erfahrung.

Man hält mich von den anderen Gefangenen fern. Man will Ärger vermeiden. Bei den anderen Gefangenen hätte ich einen schweren Stand. Es gibt hier die gleichen Vorstellungen von richtig und falsch wie draußen. Die Leute töten sich auf tausend Arten. Manche davon sind erwünscht, manche geduldet und manche werden verabscheut. Meine Art zu töten fällt in die letzte Kategorie. Das ist in Ordnung. Ich muss nicht gemocht werden. Ich diskutiere auch keine Regeln, was gut oder was böse ist. Von mir aus haben alle Recht. Ich meine nur: Schmerz wird überschätzt. Der ganz starke hält nie lange an, und er ist auch nicht unbedingt etwas Schlimmes. Eine Art sich selbst zu fühlen. Nicht mehr, nicht weniger.

Ich habe ein paar von den Zeitungsberichten gelesen. In manchen steht, dass ich unfähig bin, die Schmerzen anderer nach zu vollziehen. Keine Ahnung, wie sie darauf kommen oder wen sie gefragt haben. Wenn ich irgendetwas genau nachvollziehen kann, dann sind das die Schmerzen anderer. Wenn mich die Schmerzen nicht interessieren würden, dann hätte ich ja Puppen nehmen können. Jetzt habe ich nicht einmal Puppen oder eine Katze. Aber ich werde bald etwas Lebendiges haben. Alles, was ich brauche, ist Konzentration und Geduld.

Der Trick besteht darin, sich alle Einzelteile so genau vorzustellen, dass sie von den Körperteilen eines wirklichen Menschen nicht zu unterscheiden sind. Am Ende fügt man sie zusammen und lässt sie frei. Man vergisst, wessen Geschöpf das Wesen ist. Ich habe gehört, dass manche Bildhauer behaupten, dass sie nicht eine Figur in den Stein hinein schlagen, sondern eine Figur aus dem Stein befreien, die schon darin ist, unabhängig vom Bildhauer. Vielleicht ist es bei meiner Arbeit genauso: Sie ist gar keine Schöpfung sondern nur eine Entdeckung. Ich entdecke ein Wesen, das schon da ist, unter unzähligen anderen. Ich muss es nur noch sehen, so genau wie möglich, damit es Gestalt annehmen kann.

Dabei hat das Wesen seine eigenen Gesetze: Ich glaube vielleicht, mir eine schmale, unauffällige Nase zu wünschen, aber was ich sehe, wieder und wieder und immer deutlicher, ist eine lange Nase, die das Gesicht in zwei Hälften teilt auf eine fast grobe Weise. Ich stelle mir die Nasenlöcher vor, den rötlichen Rand, die kleinen pickligen Erhebungen, aus denen feine, schwarze Härchen wachsen. Ganze Abende und Nächte verwende ich auf die Augen. Erst auf das linke, dann auf das rechte. Sie sind sich nicht gleich. Ihre Einfassung ist kompliziert geschwungen. Man spricht bei Asiaten von Mandelaugen. Diese aber haben eher die Form von kleinen, leicht wellenförmigen Blättern. Ich stelle mir nicht nur die schwarze Iris und die noch schwärzere Pupille vor, sondern auch jeden Ausdruck, der in diesen Augen schon gestanden hat. Erst später will ich neue Ausdrücke in diese Augen bringen, dann, wenn das Wesen schon unabhängig von mir ist.

Es ist eine Frau. Wenn ich es mir aussuchen konnte, waren es immer Frauen. Sie ist eine Asiatin, wie meine Erste. Sie ist nicht käuflich. Ich erfinde ihr ein Leben. Von der Geburt bis zum 22. Lebensjahr. Es ist aufwendig, ein 22 Jahre altes Leben zu entwerfen, aber keinesfalls unmöglich. Am Anfang einer solchen Arbeit unterschätzt man die Vielzahl der Möglichkeiten, dann überschätzt man sie, schließlich stellt sich heraus, dass sich alles fügen lässt, dass Menschen vielschichtig, aber nicht überwältigend komplex sind. Gute Kopien können angefertigt werden.

Ihre Haare sind schwarz, aber nicht dünn und glatt. Sie liegen um den Kopf wie die Kapuze eines Anoraks. In diesen Haaren ist eine knisternde Kraft, über die ich viele Nächte meditiere.

Es gibt ein Gutachten über mich, in dem mir bescheinigt wird, dass ich Phantasie und Wirklichkeit nicht unterscheiden kann. Vor Gericht war dieses Gutachten ungültig. Ich wünsche mir, es ist wahr: Meine Phantasie wird Wirklichkeit und die Wirklichkeit eine Phantasie, und ich bemerke den Unterschied nicht mehr. Die Übungen, die ich mache, sind anstrengend. Solche Manipulationen erfordern einen Willen, der wie eine große Flamme ist. Egal was man hinein wirft: Es wird auch zu Feuer. Die Schritte auf dem Korridor oder der gusseisernen Treppe, die die Stockwerke verbindet. Das Fluchen und Wimmern von nebenan. Den hätten sie tatsächlich in die Psychiatrie sperren sollen. Die Hälfte hier ist irre, Wärter eingerechnet. Aber nichts darf mich ablenken. Die Geräusche nicht, und auch nicht Gedanken. Schnell verwirrt sich das eine mit dem anderen. Ich arbeite an ihrer Augenbraue, aber der Gedanke will zu einer anderen Augenbraue oder zur Achsel- oder Schambehaarung. Dann wird der Gedanke zu einem weiteren und noch einem weiteren und man verliert die Kontrolle, wenn man nicht vorsichtig gegensteuert.

Ich verwende sehr viel Mühe auf die Schamhaare, auf die inneren und äußeren Schamlippen. Die Klitoris. Ich kann sie nicht nur sehen. Ich kann sie riechen, fühlen und schmecken und das Geräusch hören, das sie macht, wenn sie gerieben wird. Ich gebe meiner Asiatin eine Geschichte und Geschichten. Ich denke mir ihre Träume aus. Manchmal fällt mir nicht das Geringste ein, manchmal kann ich vor Einfällen die ganze Nacht nicht schlafen.

Der Mund ist voll und rot, mit einer Unterlippe doppelt so dick wie die Oberlippe. Ich würde ihn nicht sinnlich nennen. Ich würde die ganze Frau nicht sinnlich nennen. Mich interessieren sinnliche Frauen nicht. Leidenschaft finde ich bei Frauen abstoßend. Ich kann Sex mit Frauen haben, die Sex mit mir haben wollen, aber genauso gut kann ich ohne Durst ein Glas Wasser trinken.

Das Gesicht meines Wesens wird runder, als ich es geplant hatte. Fast das Gesicht eines Sumo-Ringers. Oder eines Mandrills. Ein Pfannkuchen mit empfindlicher Haut zwischen weiß und rosafleckig. Sie ist natürlich Jungfrau und würde es am liebsten für immer bleiben. Ihre Haltung ist ein bisschen geduckt. Die Schultern sind hochgezogen. Geschlagen worden ist sie aber nie.

Wenn ich die Augen schließe, kann ich sie nun fast immer riechen. Nachts im Traum steht sie in einem blauen Morgenmantel neben meinem Bett und schaut zu Boden. Die Träume sind der Anfang. Von dort ist es kein allzu großer Schritt in die wirkliche Zelle. Ich kenne ihren Körper bereits besser als irgendetwas sonst. Mein eigener Körper ist dagegen nur ein Schemen. Ich fühle ihn ohnehin nur in bestimmten Momenten.

Erst ganz zum Schluss gebe ich ihr einen Namen. Das ist der letzte Akt der Schöpfung. Ich spreche ihn laut aus. Sie wird die Beweglichkeit und das Fließende eines Traumwesens aufgeben, um Wirklichkeit zu werden. Das ist ein Preis, aber er wird nicht umsonst gezahlt. Ich habe beobachten können, dass die Ideen danach streben, wirklich zu werden, auch wenn sie dafür ihre Unsterblichkeit hergeben müssen.

Die Tür zum Sanitärraum geht langsam und lautlos auf. Ich muss mich nicht darauf konzentrieren. Ich kann denken, was ich will: Die Tür geht ohne mein Zutun auf. Durch das Zellenfenster fällt, wie jede Nacht, das Licht des Scheinwerfers und zeichnet einen Kegel auf das Linoleum. In diesen Kegel greifen ihre Hände. Auf allen Vieren, den Kopf gebeugt, fast kriechend, zieht sie sich Stück für Stück in mein Zimmer. Ihr Körper ist jung, nackt und ohne Begehren. Für einen Augenblick bekomme ich Angst. Ich kann sie quälen und vergewaltigen und erwürgen und Stücke aus ihrem Körper beißen. Ich kann sie wieder in die Einzelteile zerlegen, aus denen ich sie geschaffen habe, und Stück für Stück im Klo entsorgen, aber ich bin mir nicht sicher, ob sie wiederkommen wird. Immer wieder. Auf allen Vieren. Nachts. Im Licht des Scheinwerfers, den ich nicht ein- und nicht ausschalten kann.