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Galerie Förster

b-a-c-h #130, 2003, Reißkohle auf Papier, 45 x 45 cm

Ray Malone

3. November - 15. Dezember 2007

"b-a-c-h"-Zeichnungen

 

Eine Serie von Zeichnungen, ausgehend von einem quadratischen, oder nahezu quadratischen Format und vier in Beziehung gesetzte, kontrastierende "Linien", die die Bildfläche horizontal durchqueren.

Die Arbeiten entstanden mit dem Ziel, einen ausdrucksstarken Weg zu finden, "Linien" zu zeichnen ohne Bezug zu einer Figur oder einem realen Objekt. Solch eine Linie hat sicherlich ein musikalisches Äquivalent in der Note oder präziser, in einem Satz von Noten, die eine melodische "Linie" oder ein Thema oder eine Idee ergeben. 

Beim Hören der Musik von Bach im Studio kam mir die Idee, eine einfache symmetrische Anordnung von vier Linien nutzen, die horizontal eine quadratische Fläche durchqueren. Das gab die Möglichkeit unendlich vieler potentieller Formen, sowohl der Linien selbst, als auch ihrer Beziehung zueinander.

b-a-c-h #209, 2006, Reißkohle auf Papier, 45 x 45 cm

Der Titel drückt eine indirekte Beziehung des Konzeptes zur musikalischen "Intervention" aus; eine Idee, die mit Bachs Kompositionen assoziiert ist.  Entsprechend der deutschen Notation ist es möglich, die Buchstaben direkt in eine Tonfolge umzusetzen. Für die Bildtitel habe ich allerdings Kleinbuchstaben verwendet, um nicht die direkte Verbindung zur Musik zu implizieren.

Dimensionen

Dimension #24, 2004, Acryl auf Papier, 55 x 55 cm

Die Form ist offenkundig, ihre Aufteilung definierbar und leicht zu erkennen – hier gibt es Regeln, die eingehalten wurden.

Die Dimensionen beruhen erstens darauf, welche Wirkung die Anordnung der Töne erwartungsgemäß hat, und zweitens auf der zu erwartenden Beziehung des Betrachters zu dem dargestellten Objekt.

Diese Dimensionen sind entscheidend für die Aktivität, den Einsatz der Farbe sowie die Bewegung und Variabilität der Farbe auf der Leinwand. Während das dunkle zentrale Rechteck genau innerhalb der Mittelton-Grenze liegt, ist diese Veränderlichkeit lediglich abhängig von den helleren „Streifen“ und der Art, wie sie verbunden sind oder „aufeinander treffen“.

Drei ebenmäßige, nicht modulierte Töne derselben Farbe bewegen sich in Beziehung zueinander, einmal heller, dann dunkler, gehen allmählich von einem Teil der Fläche in einen anderen über, weigern sich dabei, ganz sie selbst zu sein, aber auch, sich miteinander zu identifizieren.

Was die Größe angeht sollen die Bilder intim sein, human; weder zu klein, noch zu groß, weder überwältigend, noch zu zurückhaltend – so, wie man es von einem Menschen erwartet: Man möchte nicht von ihm vereinnahmt werden, aber man selbst will auch nicht den anderen dominieren.

Es gibt jedoch auch ästhetische Gründe: Ist ein Bild zu groß, wird es zur Wand, das zentrale Rechteck dehnt sich aus, schwillt an, und die Umrandungsaktivitäten, die Streifen sowie die Umrandung selbst, würden unbedeutend werden, reduziert auf eine dekorative Leiste, eher ein Rahmen als ein wirkungsvoller Bestandteil des Bildes.

Dimension #28, 2006 Acryl auf Papier, 55 x 55 cm

Es ist für mich wichtig, dass der Betrachter dicht an das Bild herantreten kann, ohne dass der Gesamteindruck verloren geht, sich aber auch nicht entfremdet fühlt und es nicht zu leicht aus den Augen verliert, wenn er in einiger Entfernung steht – dabei denke ich an die Distanz, die man normalerweise hält.

(Ich stelle mir eine ganz bestimmte Art von Aktivität vor diesen Bildern vor: ja, ähnlich dem üblichen Vor- und Zurücktreten, zur Seite gehen, wenn man Bilder betrachtet, aber irgendwie rastloser. Ein ständiges Zurückkehren, um einen Ruhepunkt zu finden, an den einzig möglichen Punkt, den zentralen Ort, und ihn dann – wie man sagt – „leer“ zu finden. Daraus ergibt sich wiederum eine Rückkehr zu der Aktivität „innerhalb der Umrandung“; eine Bewegung, die kompliziert wird durch die Variabilität des Tones sogar des zentralen, „stabilen“ Rechtecks.)

Gedanken über Farbe

Farbe, sofern sie nicht abstoßend ist, ist verführerisch, entweder unmittelbar oder unwiderstehlich. Sie zieht den Blick auf sich, füllt das Auge, schmeichelt selbst dem unbedeutendsten Gegenstand, färbt im wahrsten Sinne des Wortes unsere Reaktion auf einen Gegenstand, einen natürlichen oder künstlich hergestellten, eine Blume oder ein Gemälde.

Für mich sind Farben einfach Farben; das Faszinierende am Gelb ist das Gelbsein, das heißt, entweder der Widerstand gegen alles, was nicht gelb ist, oder die Annäherung daran, überhaupt nicht gelb zu sein.

Farbe, im Wesentlichen, signalisiert Unterschied, identifiziert ihn, beansprucht aber auch selbst Identität.

Indem man einen Ton neben einen anderen setzt, stellt man Fragen, deutet Ungewissheiten an, aktiviert den Blick, aber vor allem lässt man subtile Harmonien entstehen, Vibrationen einer seltsam leichten, doch gleichzeitig auch dichten Ordnung.

Meridian

. . . es gibt, wenn von der Kunst die Rede ist, auch immer wieder jemand, der zugegen ist und ... nicht richtig hinhört. Genauer: jemand, der hört und lauscht und schaut . . . und dann nicht weiß, wovon die Rede war.

Dies sagte Paul Celan 1960 in seiner Büchner-Preis-Rede.

Meridian #307, 2007, Acryl auf Papier, 55 x 55 cm

Ich zitiere ihn nicht um zu vergleichen, sondern um zu erklären. Um zu versuchen, den Titel dieser Bilder zu erklären. Die Rede ist als „Der Meridian“ bekannt geworden, denn das ist das Konzept, zu dem Celan schließlich gelangte, um das zu beschreiben, was er „Das Geheimnis der Begegnung“ nennt, und um den „Ort“ der Dichtung zu definieren. Und aufgrund von Celan habe ich als Titel der Bilder, die ich gerade begonnen habe, „Meridian“ gewählt.

Für ihn stand diese Begegnung im Mittelpunkt der Dichtung, und für mich ist es eine Metapher für alles, was zwischen dem Bild und dem Betrachter geschieht. Diese Bilder haben bestimmte Abmessungen, sie erheben keinen Anspruch auf Grenzenlosigkeit. Jedes Bild repräsentiert eine Reihe von Kombinationen in einer genauen, vorbestimmten Ordnung: drei Töne einer Farbe in drei unterschiedlich breiten Streifen oder Intervallen. Bei einer solch statischen und streng dargestellten Serie liegt die Ästhetik zwangsläufig beim Betrachten und noch mehr beim Betrachter. Falls für solche Bilder das Unendliche gibt, so nur in dem Moment oder in den Momenten des Betrachtens - so wie Gott, für diejenigen, die an ihn/sie glauben, sozusagen im Augenblick des Gebets existiert - , also des Aufeinandertreffens, der „Begegnung“.

Das Bild kann nur sich selbst darstellen: in diesem Fall die Kombinationen in ihrer scheinbar begrenzten Ordnung. Während in der Musik die Noten in einem Notationssystem aufgezeichnet werden, ist ein Bild seine eigene Notation; und während in der Musik diese Notation aufgeführt werden muss, um als Musik gehört zu werden, gibt es in der Malerei keine Aufführung. Es gibt lediglich das konkrete Bild und den Betrachter. Daher fällt es diesem Betrachter anheim, das Bild „zur Aufführung“ zu bringen, und zwar durch sein Engagement, seine sensibilisierte Fähigkeit, die „Noten“ zu lesen – eine Fähigkeit wie die, uns mit unserer Umgebung zu befassen, oder die praktischen Fähigkeiten, die uns kaum bewusst sind.

Das ist für mich die Bedeutung des Titels sowie der Grund, dass ich mir erlaube, nicht nur Paul Celan zu zitieren, sondern auch auf ein Konzept zurückzugreifen, dem er entgegen ging in seiner Rede an jenem Tag im Oktober 1960. Ich benutze es, weil es meiner Ansicht nach die Art meiner eigenen „Begegnung“ während des Malprozesses beschreibt, und weil ich hoffe, dass es den „Ort“ definiert, den der Betrachter vor ihnen findet.

Ray Malone, Oktober 2007