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Galerie Förster

Gabriele Förster

New York Gedichte


Oktober 2002 - Carl-Schurz-Park, Eastriver

Dunkel und schwer
schiebt sich der breite Kahn
den Fluss hoch;
ein Motorboot
hüpft
hinterher,
auf seinen Wellen
vollführt es
artistische Sprünge.

Dicke Nannies
schieben Kinder
am Ufer entlang.
Lachend zeigen sie
Hochzeitsbilder
von Schwester
und Schwager.

Jemand singt.

Blasse Händchen
verlangen zappelnd
den Keks.
Geduldig
spricht die Schwarze
das Dankeschön vor.

Good girl.

Kleine Köter rasen
über Plastikbohlen,
bringen das Bällchen
und kacken
auf untergehaltene Zeitung.
Zufrieden
nicken die Besitzer
einander zu.

Good boy.

Irgendwo
fiept ein Wagen
im Rückwärtsgang.

Zwei nasse Schöne
joggen vorbei,
mit wippenden Brüsten,
Musik in den Ohren.

Taubengefieder
plustert im Wind.


Februar 2003 - Subway No. 6

Zwischen Schutt
und Eisen
kaum zu erkennen
rennen sie,
im Schatten
der Gleise.
Hürdenlauf
über Müll
und Geröll,
Zickzackkurs,
blitzschnell.
Wenn der
Boden zittert,
sind sie
verschwunden.

Rumpelnd
und quietschend
rammen die Türen
zusammen,
quetschen den
Lärm ab.

Geräusche
versacken in
feuchter Wolle
und Pelz.
Gleichmäßig
schaukeln
die Körper.
Hände
suchen Halt,
rutschen an
Chromstangen ab.

Sorry –

Müde,
dunkle Gesichter,
die Augen
geschlossen.
Im dichten
Gedränge
versuchen sie,
Wärme,
Geruch
und Nähe
zu ertragen.

Hinter
zerkratzten
Scheiben
wird es hell.

Excuse me –

Die Masse
bewegt sich,
schiebt,
schafft eine
Lücke
zum Entkommen.
Vergessener
Handschuh
wird hinterher
geschleudert.
Dankbares Grinsen.

Farben
fliegen vorbei,
bis Tunnelwände
Fenster in
dunkle Spiegel
verwandeln.

Die Ratten
wagen sich wieder hervor –


April 2003 - New York Times

Sie brauchen
einen toten Vogel -
keinen wirklich toten,
nur fürs Theater.
Deshalb habe ich
Zeitungspapier
besorgt
und Leim,
um den Körper
zu formen.

Schlagzeilen
verschwinden
in klebrigen
Schichten –

Ein ausgerissenes Stück
zeigt ein totes Kind.
Kein richtig totes,
aber das, was es
gesehen hat,
kommt in Tausend
und einer Nacht
nicht vor.

Ein amerikanischer
Sanitäter
hält das Kind
im Schoß –
es krümmt sich
zusammen,
sein Blick
ist leer.

Mein Vogel
liegt zum Trocknen
auf dem Rücken,
die starren
Beinchen weggestreckt.

Verlassene
Vogelkinder
sterben
ganz schnell -


Oktober 2003 - Carl-Schurz Park, Eastriver

Septemberabend –
ich sitze
verkehrt herum
auf der Bank,
letzte Sonnenwärme
im Gesicht.

Vier-
und
Zweibeiner
streifen vorbei.

Schnaufend
stemmt sich
ein bulliges
Schwergewicht
gegen die Leine,
schiebt Brust
und Zähne vor.

Kleine Kläffer
mit platten Nasen
beschnüffeln
dürre
Aristokraten,
die tänzeln
verstört
zur Seite.

Bei Morgenstern
falten Rehlein
die Zehlein,
auf Promenaden
dagegen
legen sie
ihre Öhrchen
übereinander,
die zarten
Seelen.

Es wird
kühl –


März 2004 - Eastriver

Meine Bank
steht zu dicht
am Wasser,
geschwungene
Gitterstäbe
zerstückeln
die Sicht
auf den Fluss.

Regenwolken
spiegeln sich
in schlammigen Wellen –
kräuseliges
unentschiedenes
Richtungssuchen.

Vor vier Wochen
war der Himmel
blau gewesen.

Im Hospital
hatte man
etwas erklärt,
das erschien
in der Sonne
unwirklich
und nicht
zum Leben
passend.

Ich war
nach Hause
gegangen
ohne zu weinen.

Es regnet.

Spaziergänger
eilen heim
und zerren
nasse Hunde
hinter sich her.

Frühlingsbeginn –


Oktober 2004 - Yorkavenue/79th Street

Hohe Gebäude
verdunkeln
den Himmel,
doch
Zwischenräume
lassen Sonnenstrahlen
hindurch,
helles Muster
auf schattigem Pflaster.

Ich stelle mich
mitten hinein.

Stimmen überschneiden sich,
Satzfetzen
verschiedener Sprachen –
nein,
der Bus kommt
noch nicht.

Feuerwehr und
Krankenwagen
jagen
mit schrillem Creszendo vorbei.

Über Mülltütenbergen
liegt beißender
Gestank.
Ein Mops
pinkelt an die
Baldachinstange
von 435,
die Sonne
ist fort.

Ich friere,
dabei ist
erst Oktober -


März 2005 - 504 East, 81st Street

Kurzschluss.

Die Lichterkette,
die seit Dezember
in der Palme hing,
ist tot.

Beinah
hätte sie es
bis Ostern
geschafft.

Abend für Abend
geleuchtet,
fast so schön
wie die Flagge
am Balkon
gegenüber.

Nun liegt sie
im Sondermüll.

Irgendwie tragisch.