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Galerie Förster

Uli Weigelt

Paul Bokowski

Fräulein K.

Frau K. verabscheute ihren Mann. Jedes Mal, wenn er ihr näher kam, hoffte sie, er würde sie nicht berühren. Berührte er sie, dann hoffte sie, es möge nicht so lange dauern, und dauerte es lange, dann hoffte sie stets, es würde nicht noch einmal passieren. Dabei war es nicht das Körperliche, das Frau K. derart zuwider war. Wäre ihr Mann ein Fremder, mit einem anderen Wesen, einem anderen Charakter und einer anderen Geschichte, nicht der gemeinsamen, dann hätte sie sich die Dinge, die er tat, gefallen lassen. Anders gefallen lassen.

Sie konnte sich nicht daran erinnern, diesen Mann einmal begehrt zu haben. Diesen Mann, mit seinen körperlichen Eigenarten. Sie konnte sich nicht daran erinnern, diesen Mann einmal geliebt zu haben, mit seinen Gewohnheiten und Bräuchen, seinen Macken und Neurosen. Diesen Mann, der es nicht schaffte, beim Kauen den Mund zu schließen und am Abend zu träge war, sich die Zähne zu putzen. Diesen Mann, den man antreiben musste wie ein Kind: sich anzuziehen, nichts anzufassen, vorsichtig und nicht so stur zu sein, aber ab und zu romantisch. Diesen Mann, der immer ein paar Schritte hinter ihr ging und es nie geschafft hatte, mit ihr Schritt zu halten.

Sie hatte vergessen, dass sie ihn geliebt hatte, ihn und seine Eigenwilligkeiten. Dass er sie gereizt hatte und gelockt, mit seiner sonderbaren Art, und als er bei ihr einzog, da nahm sie seine Eigenarten bei sich auf, wie Teile seines Lebens. Wie ein paar Zimmerpflanzen trug sie seine Neurosen aus dem Umzugswagen über ihre Schwelle und fand für jede einzelne einen neuen Platz in irgendeiner Ecke ihres Lebens. Sie sorgte sich nicht groß um diese grünen Gewächse seines Charakters und blickte, wenn überhaupt, nur spöttisch auf sie herab. Und jetzt, nach ein paar Jahren, saß sie hier in einer Wohnung, die sich schon vor langer Zeit in einen Urwald verwandelt hatte. Das Merkwürdige an ihm hatte Triebe bekommen und in der Erde ihrer Empfindsamkeit Wurzeln geschlagen. Immer neue Gewächse waren aus dem Boden zwischen ihnen geschossen und hatten mit der Zeit alles überwuchert. Schichten um Schichten von Grün, ein wildes Durcheinander von Ästen und Blättern, das unscharf vor ihren Augen lag und nur in seiner Mitte ein schwaches Licht hindurch scheinen ließ, den kümmerlichen Rest eines Horizonts. Sie saß in diesem Dschungel, in diesem verfluchten Dschungel, ermattet, erschöpft, als sei sie tagelang in diesem Dickicht umhergewandert, und fand in ihrer Verzweiflung keinen Ausweg. Sie saß da und hasste ihn. Hasste ihn für das, was er war, für all dieses Unkraut seines Wesens, für dieses trübe, erstickende Grün, in dem sie sich verloren hatte.

Als er aus dem Blattwerk heraustrat, geschmeidig wie ein Panther, sich fast lautlos aus dieser Wildnis herausschälte, da wollte sie sich auf ihn stürzen. Schreiend und brüllend und keifend, dass es genug wäre, ein für alle Mal, und dass sie gehen würde. Jetzt und gleich. “Ich werde dich verlassen”, tönte es durch den Dschungel. Er musste es ein zweites Mal sagen, bis sie es verstand, bis sie begriff, dass diese Worte aus seinem Mund gekommen waren und nicht aus ihrem. Es war das erste Mal, seit langer Zeit, dass sich etwas Neues über das schmutzige Grün seines Charakters legte. Es war das erste Mal, seit langer Zeit, dass etwas zwischen ihnen war, das ihr groß und neu und fremd erschien. Als er im Dickicht seiner selbst verschwunden war, strahlten seine Worte wie neue Farben in ihren Augen. Sie legten sich falsch und unverschämt über sein Grün und strahlten so stark und schmerzlich, dass Frau K. die Tränen kamen.