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Galerie Förster

Nina Neumaier

"to tare" - Reverse Drawing on Glass

June 10th - July 24th, 2010

New works of Nina Neumaier: reverse drawing on glass.

Artists' statement

Die neuen Hinterglaszeichnungen zeigen Anordnungen von schnittartigen geschlossenen Formen im Wechselspiel mit feinen halbtransparenten Formierungen. Linien und Bänder verbinden sowohl die scharf abgegrenzten als auch die unregelmäßig strukturierten Flächen.

Diese Zeichnungen sind ein weiterer experimenteller Schritt meiner langjährigen Arbeit auf Glas. Sie sind geprägt von Konzentration und Reduktion auf einige mir wesentlich erscheinenden Elemente. Anders als bei den vielgestaltigen, malerischen Farbkompositionen der vergangenen Jahre stehen hier hauptsächlich pure Formen, Linien und die Verwendung schwarzer und weißer Farbe im Vordergrund.

Die komplizierte, weil umgekehrte Arbeitsweise der Hinterglasmaltechnik erfordert ein ständiges Planen und Vorausdenken, eine Konzentration auf die technisch notwendigen Abläufe, ein generelles Umdenken. Nicht nur dadurch, dass alles seitenverkehrt konzipiert wird. Am schwierigsten ist der umgekehrte Aufbau eines Bildes. Diese Technik habe ich mir über Jahre erarbeitet und sie ständig weiterentwickelt. Bei diesem Vorgehen spielt das Erfahrungswissen über Konsistenz und Transparenz des Materials eine große Rolle. Nach einem Pinselstrich muss ich sehr schnell auf der anderen Seite des Glases das Resultat kontrollieren, denn wenn die Schicht erst einmal trocken ist, lässt sich absolut nichts mehr ändern. Das ist das große Risiko! Sollte ich mich beim Farbauftrag vertun, ist das Bild fertig, bevor es fertig ist! Ich kann nicht wie bei der Leinwandmalerei oder der Papierzeichnung etwas nachträglich korrigieren und übermalen, oder Akzente anders setzen. Das heißt, spontanes intuitives Arbeiten ist nur bedingt möglich. Während dieser komplexen Arbeitsvorgänge sind quasi beide Gehirnhälften abwechselnd in Aktion. Im Grunde springe ich mit hoher Konzentration zwischen technischer Notwendigkeit und künstlerischer Intuition, zwischen Ratio und Gefühl hin und her.

Die neuen Zeichnungen spielen mit leichten, keiner festen Form unterliegenden Flächen. Diese stehen im Kontrast zu den harten, scharf geschnittenen Teilen der Komposition. Seit jeher war ich fasziniert vom Schneiden. Beeinflusst von meiner Mutter, die lange in Japan gelebt hat, entstand bei mir die Vorliebe für den Werkstoff Papier und dessen Gestaltungsmöglichkeit. Es gab jede Menge Scheren und Papier in unserer Familie. Der japanische Holzschnitt, der Faltschnitt, das einfache Verändern einer Form durch minimale Eingriffe ist bis heute ein Faszinosum für mich. Die Erkenntnis, durch mutige, weil irreversible Zerstörung etwas Neues zu kreieren, ist immer wieder frappierend. In kürzester Zeit ist eine klare Form zu schaffen. Man kann sie weiter bearbeiten, aber nur in eine Richtung, nämlich durch Wegschneiden, Verkleinern, letztlich durch Reduzieren. Man muss dabei eine Vision haben oder aus dem Inneren "unbewusst" den Schnitt kommen lassen, denn das Schneiden passiert schnell, ist riskant und ist unwiderruflich. Die Vereinfachung der Formen hat mich früh interessiert. Biegungen und Kurven sind schwierig zu schneiden, die Perfektion wäre erreichbar, aber interessanter sind jene Ungeraden, die Spuren des Vorgehens zeigen - und die ja auch zum Ziel führen.

Diese kompromisslose Schneidearbeit habe ich auf meine Hinterglaszeichnungen übertragen. Unter der ultraglatten Oberfläche des Glases und mit entsprechend hoher Leuchtkraft zeigt sich die reduzierte pure Form dieser neuen Arbeiten. Harte, klare geometrische Formen stehen in Korrespondenz mit den durch Zufall produzierten Texturen und Mustern; weiche Linien kommentieren hermetische Farbflächen. Wie in der fernöstlichen Philosophie, muss es immer beides geben, hart und weich, konturiert und schemenhaft, transparent und opak.

Sowohl bei der künstlerischen Produktion als auch beim Betrachten entsteht der Prozess des Tarierens. Es geht um das Abwiegen als klare pragmatische Kontrollmaßnahme und das Abwägen der Bedeutungen, die darüber hinaus oder dahinter in noch unklarer Form zu finden sind. Die Gegensatzpaare sind nur dem Anschein nach gegensätzlich. Sie sind so etwas wie gegenseitige Fragen und Antworten und gehören, selbst wenn sie diametral entgegengesetzt sind, zusammen. Aus dem Zusammen-Wirken erklärt sich die Bedeutung des Einzelnen.

Im Vorgang des Austarierens der Gegenseiten entsteht Neues.

Als Künstler arbeitet man mit Gewichtungen auf der Fläche, versucht Akzente zu setzen und ein spannendes, trotzdem in sich ausgewogenes Bild entstehen zu lassen. Aber auch unsere täglichen Entscheidungen basieren auf Gewichtsverlagerungen. Wir schieben ständig Gewichte auf einer inneren Skala hin und her. Wir wägen das Für und Wider ab, wir versuchen das Überwiegende einzuordnen, das (Ge-)Wichtige zu beachten, das Ausschlaggebende zu erkennen. Bei jeder kleinen Entscheidung spielt dieses ständige Tarieren eine Rolle, damit wir letztendlich nicht das Gleichgewicht verlieren, zu viel in eine Waagschale werfen oder weit oben auf der Wippe "verhungern". Wenn wir aus dem Gleichgewicht geraten, unausgeglichen sind, überlegen wir, was uns wieder ins Lot bringen kann. Wir können alles schwarz sehen, oder schwarz-weiß sehen, oder die Farbe als Akzent in unser Leben bringen, was die Gewichte verschiebt. Zwischen unendlich vielen Möglichkeiten sind wir frei, die Reiter auf der Skala zu bewegen. Wir haben die Chance, uns zu bewegen und alles anders zu gewichten und damit auch anders zu sehen, einen anderen Standpunkt einzunehmen.

Mit dem Werkzyklus TARIEREN zeigt sich Kunst - im doppelten Wortsinn - als
Wa(a)gnis

Nina Neumaier · Berlin · Juni 2010