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Galerie Förster

Ute Krautkremer, Ray Malone, Nina Neumaier, Mady Piesold
and Henning Rohde

"Lust und Linie"

February 11 - March 26, 2011

 

Room impression

 

Mady Piesold

In meinem Werk verfolge ich interdisziplinäre Ansätze, um bestimmte Themenkomplexe miteinander zu verbinden und fühlbar zu machen. Ich gehe zum Beispiel Ausdrucksweisen nach, die dem Weiblichen zugeordnet werden. Der Körper und sein inneres Fließen sowie die Haut als Membran einer Innen- und Außenwelt, als Mittel der Abgrenzung, aber auch als Zeichen einer potenziellen Verwundbarkeit sind Themen meiner Arbeit.

Seit geraumer Zeit befasse ich mich dazu mit den Fragen der Zivilisation im Spannungsfeld zwischen Naturraum bzw. verschiedenen Vorstellungen davon und kulturbedingter Künstlichkeit, speziell mit der Frage: Auf welche Stabilität ist die Zivilisation aufgebaut? Wie sehen die Zeichen aus, auf die sich Menschen im urbanen Raum stützen? Und was ist gegenwärtig im Informationszeitalter für den Einzelnen greif- und fühlbar? Im Hinblick auf diese Fragen befasse ich mich unter anderem mit dem Leben von Naturvölkern, deren Kultur und natürliche Ressourcen in den letzten Jahrhunderten stark beeinträchtigt wurden.

 

Henning Rohde

„Eine sehr reduzierte, stilisierte und doch poetische, ja lyrische Darstellung von Frauenkörpern stellte ich mir vor, die „in einem Strich“ und in Minutenkürze entstehen sollten. Durch die leicht raue Oberfläche des Papiers entstanden Frottage-ähnliche Striche, die bei Verwendung von weniger, aber auch gelegentlich von mehr Druck auf das Papier, äußerst lebendige Schattierungen mit Hilfe des Kohle- oder Pastellkreide-Stiftes erlauben.“

 

Ute Krautkremer

Seit 2004 entstehen die „Drahtskizzen“. Es handelt sich um eigenständige Arbeiten, welche sich der Darstellung von Fläche und Raum, Körper und Volumen auf neuartige Weise annehmen.

Die Arbeiten verbinden spontane Gestik  der Zeichenbewegung mit der plastischen Form aus Draht. Draht und Schatten führen gezeichnete und gedachte Linien weiter und geben der Zeichnung Raum. Gleichzeitig führen sie ein Eigenleben, das die Oberfläche der Zeichnung beherrscht. Dadurch erweitert sich nicht nur das zeichnerische Spektrum, sondern auch das des Betrachters und macht einen Perspektivwechsel notwendig. In Auseinandersetzung mit menschlicher Bildsprache durchbrechen chiffrierte Zeichen die strukturierten Malgründe und legen neue Zeichen-Spuren für die Wahrnehmung des Betrachters. Diese reduzierte, ja geradezu meditative Formsprache in den Bildkompositionen verlangt vom Betrachter die Bereitschaft sich einzulassen und auf die Suche zu gehen.

An diesen Arbeiten reizt es mich besonders, den Zufall zu zwingen und ein Spannungsgefüge zwischen zufälligen (chaotischen) Strukturen und bewusster Ordnung aufzubauen.

Die Arbeiten erschließen sich dem Betrachter durch die Veränderung seiner Position. Absicht ist, eine vom Gefühl ausgelöste assoziative Betrachtung zu ermöglichen, die logisch weitergedacht werden kann.

 

Ray Malone

Die Linie ist eine Grundvoraussetzung des Zeichnens. Eine gezeichnete Linie demonstriert am einfachsten die Beziehung zwischen Gestalt und Grund. Auf einem Blatt Papier repräsentiert sie eine Welt im Kleinen, in der das Papier ein Feld wird, der Grund, und die Linie eine Gestalt.

Zwischen ihnen bildet sich eine essentielle, unauslöschliche Dialektik, die unsere Beziehung zu einer Welt widerspiegelt, in der wir uns jeden Tag im Grunde auf die gleiche Art bewegen, wenn auch meist unbewusst.

Überall strukturieren gerade Linien unsere Welt—sie bestimmen Rahmen und Parameter, definieren und entgrenzen Räume und Alltagsgegenstände, ja sogar Aktivitäten, und schließlich, selbst im Verborgenen, strukturieren sie unser Denken.

In den neuen Arbeiten werden gerade Linien nicht nur als Festlegungen einer Struktur oder einer Gestalt gezeigt, sondern auch als Zeichen der An- oder Abwesenheit und sogar als eine Art Begrenzung der Zeichnung selbst.

 

Nina Neumaier

Es muss alles schnell gehen. Sekunden, Bruchteile von Sekunden entscheiden über den Verlauf einer Linie. Es muss bei mir so schnell gehen, dass sich kein bewusster Gedanke in die Bewegung einmischt. Wissen und zu-viel-Wollen würde meiner spontanen Zeichnung Grenzen setzen und den unbewussten Raum be­schränken, der gerade dabei ist, sich auf das Blatt auszudehnen.

Die Bedingungen für meine Zeichnungen sind innerer Natur: Zuversicht und meditative Einstimmung und absolute Konzentration. Eine Leichtigkeit soll entstehen, die offen ist für die Ausformung einer intimen Idee. Dann zeigen sich die Momente einer Suche, einer lebendigen Suche nach mir selbst. Ich wundere mich, staune, was sich vom Geistigen über die Hand buchstäblich manifestiert hat. Was Zeichnung geworden ist, seine materielle Existenz ge­funden hat, anschaubare, anfassbar gewordene Unerklärlichkeit.

Das Faszinosum dieser Erfahrung ist ursprünglich, so alt wie die Menschheit, so jung wie ein Kind. Ist es doch einfach menschlich, ohne Werkzeug, nur mit dem Finger eine Linie in den Sand zu ritzen, die Fantasie laufen zu lassen. So werden Geschichten skizziert, die aus der Tiefe auftauchen. Die unmittelbare Spur der eigenen inneren Bewegung, die Freude am Erscheinen, am Dinghaft­machen wird kraftvoll erlebt. Das alles ist in erster Linie ein sich selbst gemachtes Geschenk. Eine Erlaub­nis, das nicht Greifbare kommen zu lassen, als Ahnung und Träger des Un­bewussten, das sich ja nicht wirklich auf einem Blatt fixieren lässt. Und dann wird es Kom­munikation; die Verwandtschaft zum Schreiben, zum Mitteilen ist unüberseh­bar.

Zeichnung kann das Auftragen von Linien auf einen Untergrund sein - eine additive Technik mit einem Positiv-Ergebnis. Zeichnung kann aber auch ein Hinterlassen einer Spur sein, die durch Verdrängen, Abtragen und Freilegen entsteht - eine subtraktive Technik mit einem Negativ-Ergebnis. Auf solch einer "Negativlinie" basieren meine Arbeiten zum Thema "Lust und Linie". Wie bei der uralten Sandzeichnung oder dem Ritzen in Dreck oder Ton, hinterlasse ich in der frischen Farbe eine eingegrabene Spur. Schiebende und drückende Bewegungen bewirken eine Verdrängung; durch die materielle Be­schaffenheit der Farbmasse bleiben die Linien erhalten. Die Freilegung des weißen Untergrunds teilt die Schwärze und bleibt als trocknende Zeichnung stehen.

Zum Vorschein kommt auch im übertragenen Sinn das Untergründige. Das tech­nische Rückwärts wird zur vorauseilenden Idee; das teilweise Ausgraben lässt Neues entstehen. Das Ergebnis ist in seiner künstlerischen Anmutung verwandt mit Techniken wie dem Holzdruck, wo letztlich das stehenbleibt, was der Künstler sicht­bar machen will, wo alles andere in den Hintergrund tritt und in einer Nega­tiv­form verschwindet. Dieser abtragende Vorgang bewirkt ein Herausfiltern der Linie und schließlich die Entstehung einer Essenz, die "es in sich hat". Durch Parallelen werden alle Bewegungen ver­viel­fältigt, eine Art Akkord verstärkt den einzelnen Linienton. Die Schwünge und Kurven werden zu Bändern und Flächen, die durch Synchronie und Gleich­klang den Zeichenraum erzeugen.

Natürlich ist es einfach eine Lust, eine Linie zu zeichnen. Ich kann dabei zusehen, wie sie entsteht, was sie macht, was ich mache, was sie mit mir macht. Ich habe die Macht über die Linie und habe sie nicht. Lust und Linie bedingen einander. Eine Linie tut sich gerne mit anderen zu­sam­men, und in dieser Beziehung eröffnen und klären sich die gegenseitigen Spielräume. Meine Linien stehen nicht in einer Linie, sie werden nicht auf Linie gebracht, sondern sie lieben das spontane freie Spiel auf der Fläche. Sie brechen aus und vergnügen sich miteinander. Es sind Beziehungslinien, die voller Lust etwas miteinander zu tun haben wollen. Sie sind erotische Zeichen vom Zusammenspiel unterschiedlicher Kräfte. Sie sind Bewegung und Gegen­bewegung, Rhythmus und Modulation. Sie entfernen und nähern sich, sie schlagen Kapriolen, sie doppeln sich und schweben zusammen über dem Unter­grund. Sie ergänzen und konterkarieren sich, sie sind alleine zusammen und formen auf dem Blatt oder Glas eine gemeinsame Erinnerung. Mal kommen sie elegant als Tangenten daher, mal zittern sie feingliedrig nach dem Aufprall. Sie werfen sich mit energischem Schwung in die Kurven oder umschlingen sich, um sich gleich wieder loszulassen. Meine Linien kommen von irgendwoher und gehen ins irgendwohin, sie sind eigent­­lich als Flüchtige hingeworfen auf die Fläche, und was von ihnen bleibt, ist nur eine Spur der Lust, ein Ausschnitt der Bewegung, eine Ahnung vom Ge­we­se­nen. Aber sie sind Fixierungen des fließenden Zusammenspiels von Kopf und Hand, von Gestalt­ gewordener Zeichenlust.