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Galerie Förster

unbound red - Ray Malone

"Unbound" (rot), 2003, Acryl und Reißkohle auf Papier, 50 x 50 cm

Ray Malone

Intermediäre Räume

Zeichnungen und Malerei

3. Februar - 17. März 2012

 

Unter dem Titel „Intermediäre Räume“ zeigt der Künstler Ray Malone zwei verschiedene Werkreihen, welche Grenzbereiche zwischen Malerei und Zeichnung sowie zwischen Gezeichnetem und Konkretem darstellen.

Die sogenannten „Unbound“ Bilder bestehen aus gezeichneten architektonischen Formen auf farbigem Untergrund, während die scheinbar einfachen Kompositionen „Ohne Titel“ aus dreidimensionalen „Linien“ einen musikalischen Takt verkörpern. Beide stellen intermediär Verbindung zwischen der Welt und dem Zuschauer her.

 

Unbound/Ungebunden

Es lässt sich schwer sagen, ob die Arbeiten der sogenannten „Unbound- Serie“ als Zeichnungen oder als Malerei einzuordnen sind. Die Farbe ist zwar eine gemalte, man könnte aber meinen, dass die schwarzen Formen gezeichnet worden seien. In Wirklichkeit nehmen sie einen Grenzbereich zwischen beiden Positionen ein.

Der Untergrund besteht aus Papier, einem Material, das sowohl zum Malen als auch zum Zeichnen verwendet wird. Der Entstehungsprozess dieser Arbeiten ist einfacher Art. Der zu behandelnde Bereich, das Quadrat, wird abgeklebt, und es wird Acrylfarbe aufgetragen. Die weiteren formalen Elemente werden umrissen und der Reihe nach abgeklebt. Dann wird Kohle manuell eingearbeitet. Zuletzt wird das Ganze fixiert und das Klebeband entfernt.

Die formale Anordnung – die schlanke Säule, die breite und die schmale Querstange, die jeweils die beiden verbindet - ist eine Konstante durch die ganze Serie hindurch. Die einzelnen Elemente jedoch können in Bezug aufeinander verschoben werden. Weitere Konstanten sind das Schwarz der Kohle sowie der farbige Grund, der auch stufenlos variiert werden kann.

Die Auffassung, dass die Arbeiten “unbound“/ “ungebunden“ oder “grenzenlos“ sind, hängt von diesen zwei grundlegenden Merkmalen ab: der Variabilität des Untergrunds und der Beweglichkeit der gegliederten Formen. Das heißt, ein scheinbar festgelegter Raum stellt sich ohne Begrenzung dar, indem er in seiner eigenen Permutation offen bleibt.

 

Das Kunstobjekt

Wir sind daran gewöhnt, Kunstwerke als autonome, selbständige Objekte zu sehen. Aber wo auch immer wir auf Bildobjekte stoßen, sei es in einer Galerie oder einem Museum oder sogar an einer vertrauten Stelle zu Hause, stehen sie auf irgendeine Weise im Verhältnis zu ihrer Umgebung. Die Wand, das Licht, die Stimmung im Moment der Wahrnehmung beeinflussen unsere Rezeption.

Das heißt, die Objekte nehmen einen Raum ein, irgendwo zwischen der Welt  - und sei es nur die begrenzte, vermeintlich neutrale Welt einer weißen Galeriewand - und der beobachtenden Anwesenheit des Zuschauers: Sie besetzen einen „intermediären Raum “. Auf vorherbestimmte oder zufällige Weise aber wirken sie nicht nur auf das, was sie umgibt und den, der ihnen zuschaut, sondern entgrenzen auch ihren eigenen Raum und stellen sich damit selbst als intermediäre Räume dar.

Es muss bei der Betrachtung einen Moment des Begreifens geben - etwas muss gesehen werden, muss unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. In diesem fast unmerklichen Augenblick stehen wir vor der Wahl, entweder weiter zuzuschauen, oder uns abzuwenden. Solche Momente sind für jedes Objekt in der Welt entscheidend, nicht nur für die, die wir als Kunstobjekte bezeichnen, in jedem Fall beantworten wir eine implizite Forderung, gesehen zu werden oder nicht.

Solch ein Moment kann ohne Reaktion vorbeigehen, oder, wenn das Objekt und dessen Zuschauer einander „ begegnen “, wenn es über das einfache Bemerken des Objekts hinausgeht, entsteht im Innehalten die Möglichkeit der wahren Aufmerksamkeit.

Jeder Raum deutet tatsächliche und/oder metaphorische Möglichkeiten an: die Annäherung, den Zugang und den Umgang mit der Situation und den entstehenden Empfindungen und Spannungen. Es besteht dabei immer die Möglichkeit des Weggehens oder, im Bezug auf Kunstobjekte, die des Sich-Abwendens.

Aufmerksamkeit auf ein Objekt zu richten, ist mehr, als es nur zu bemerken; es heißt, den Raum zu „ betreten “, den es einnimmt. Das heißt, das Objekt zu treffen, ihm zu begegnen, sich mit ihm zu verbinden - auf die gleiche Weise wie eine Person sich mit einer anderen zu verbinden mag, und doch jeder dabei ein Einzelner bleibt. In einer Welt, in der es von Nichtverbundenem, Nichtbegegnetem, Nichtgetroffenem wimmelt, bedeutet das Innehalten vor einem Objekt und die Verbindung mit ihm in diesem Moment vollständige Aufmerksamkeit. Unbewusst verlangen wir dabei die Autorität der Anwesenheit eines anderen.

Ray Malone/Nina Neumaier, Januar 2012

 

"Ohne Titel 2011

Der Eintritt in ein Atelier ist eine besondere Handlung. Die Augen werden scharf gestellt, Nase und Ohren geöffnet. Der erste Eindruck im Atelier von Ray Malone ist der einer lichten Ordnung; mit ihr stellt sich ein zweiter Eindruck ein, der der Stille. Es gilt die Distanz zwischen Tür und Wand zu überwinden, denn Formate und Arbeitsnotate locken den Betrachter zur genauen Wahrnehmung, zum konzentrierten Hinschauen. Zuschnitt und Auftrag fordern nahes Herantreten, müssen erforscht und als Widerhall im Betrachter selbst entdeckt werden. Verlangsamung, Innehalten, Versinken in Betrachtung eröffnen uns die Präzision und Ästhetik der Bildobjekte von Ray Malone.

Die Formate werden von gängigen, gut handhabbaren Papierbögen definiert. Auf ihnen umreißt der Künstler sein eigenes Arbeitsfeld mittels einer dunkel angelegten, sehr feinen Grenzlinie. Das damit bestimmte Viereck wird mit einem Grauwert von Reißkohle gefüllt, der in seiner Transparenz die Struktur des Papiers hervorhebt statt sie zu neutralisieren. Eine atemberaubende, weil hauchzarte Tiefe wird spürbar und erzeugt Lust, diese bestechend balancierte Ausarbeitung weiterzuverfolgen. Eine Schraffur im Sinne einer Handschrift des Künstlers ist nicht sichtbar.

Ein nächstes Element des Ausdrucks ist die Linie, mehrere Linien, die von der Begrenzung her oder frei stehend vertikal in die Fläche gesetzt sind. Hier gilt es, eine einschneidende Entdeckung zu machen: Mit der Nase fast am Objekt zeigt sich, dass die Linie nicht etwa gezeichnet, sondern zunächst geschnitten und dann mit einem schwarzen, von hinten nach vorn durchgeschobenen, schwarzen Karton erzeugt ist, fast nur ein Grat, kein Steg. Das Erkennen des Schattenwurfs dieser Räumlichkeit definierenden Linie ist eine Delikatesse in der Betrachtung. Der sich eröffnende Schattenraum erweckt auf besondere Weise die Themen Licht und Raum in den aktuellen, faktisch dreidimensionalen Werken "Ohne Titel" des Jahres 2011 von Ray Malone.

Der 1939 geborene Künstler entschied sich im Jahr 1989 für die ungegenständliche, nicht abbildende, nicht erzählende Ausdrucksweise in der Kunst. Das an tradierten Bildern und erlernten Worten geübte Verstehen wurde in Klausur neutralisiert. Ray Malone besann sich auf die Grundelemente Linie und Farbe. Das Üben einer in seinem Werk neuen "Bild-Sprache" brachte Serien hervor wie z.B. die b-a-c-h-Zeichnungen und die ‚dimensional paintings'. Ihnen gemeinsam ist eine Reduktion der Ausdrucksmittel und das einem Buchstabieren ähnliche Einsetzen entweder der zeichnerischen oder malerischen Mittel. Reihen entstanden, die das gewohnte Funktionieren einstellten. Das Bild wurde nichts als es selbst, ein Ding an sich.

Das Beugen der gestalterischen Mittel unter einen Zweck wurde ersetzt durch die Besinnung auf deren spezifisches Material. Zu entdecken war an diesem Nullpunkt des Ausdruckswillens das nachgerade unendliche Potential dieser Disziplinierung: eine Steigerung der Unterscheidungen im Feinen.

Ray Malone entwickelte in den Folgejahren neutralisierende Strukturen, die er im Umfeld von Literatur und Musik gleichsam in imaginierter Wahlverwandtschaft entdeckte und in sein bildnerisches Werk übersetzte. So besitzt, im Hinblick auf die Papierarbeiten, fast jedes Blatt eine unsichtbare Rasterung, die sowohl Linie als auch den sie umgebenden Raum einem Reglement unterwirft. Länge und Abstand stehen in einer Beziehung, die dem Zufall, dem Willkürlichen Grenzen setzt.

Neben dem zeichnerisch definierten Feld fließen damit auch Breite und Ausformung des freistehend gebliebenen Bildgrundes als Bestandteil der Objektwahrnehmung ein. Alle diese Faktoren begründen eine spürbare, wohltuende Harmonie.

In der im Jahr 2011 begonnen Serie "Ohne Titel" korrespondieren in der Abfolge einer seriellen Präsentation die gleichlautenden Blattformate mit den eingezeichneten Feldern, machen die Variation von Rechteck auf Rechteck, Quadrat auf Rechteck und Quadrat auf Quadrat insbesondere erfahrbar. Während das Rechteck ein Fortschreiben, den Sprung zum nächsten Blatt geradezu herausfordert, legt der Charakter des Quadrats ein Verweilen nahe und bringt jenseits von Stille Stillstand, Ruhe in die Betrachtung.

Feststellbar wird auch, dass die Grauwerte sich in keinem Fall gleichen, sondern ebenso nuancenreich in ihrer Subtilität m.E. den Begriff des Schönen erleben lassen. Die Werke entfalten Rhythmik und Wohlklang. Sie erscheinen unendlich fortschreibbar in einem offenen räumlichen Kontinuum.

Der Künstler fasst das Bildobjekt als Hindernis im Weg des Betrachters auf. Er befragt die künstlerischen Mittel auf ihre Fähigkeit hin, Einhalt zu gebieten. Er zwingt den Blick auf Phänomene, die häufig unbeachtet und unbedacht als Konstanten erwartet und nicht hinterfragt werden.

Der jetzt vollzogene Verzicht auf einen Bild-Titel sowie die Entscheidung, die Linie nicht von Hand zu ziehen, sondern sie stattdessen von einem durchgefärbten schwarzen Karton repräsentieren zu lassen, treiben den Verzicht auf eine individuelle Handschrift, eines individuellen Hinweises auf eine von außen kommende Inspirationsquelle weiter. Im Zenit des Minimalen werden die Werke so der fremden Wahrnehmung ausgesetzt. Sie bilden Fangbecken zur Konzentration.

Annette Jahnhorst, 2012