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Galerie Förster

unbound red - Ray Malone

Sandie Brischler

Zeichnungen und Performance

1. Juni - 14. Juli 2012

Die junge französische Künstlerin präsentiert schriftähnliche Spuren menschlicher Existenz als Ergebnis spontaner Artikulation. Diese Niederschriften in Form von Linien, Zeichen, auch gekritzelten Störungen, sind für sie grafische Umsetzung von Lebensimpulsen. Ihr Untergrund ist meist Papier, von kleinsten Formaten bis hin zu riesigen Flächen, auf denen sie in Performances mit dem ganzen Körper schreibt und zeichnet. In diesen Performances wird der Körper zum "Bewegungsdiagramm", er erzeugt in einem intuitiven Akt lebendige Zeichen und schreibt sich quasi selbst.

Sandie Brischler sucht in den Abgründen des Bewusstseins, sucht Gemeinsamkeiten zu Gebieten der Medizin und der Psychologie, die sich mit dem versehrten, auch behinderten Körper beschäftigen und mit der verletzten Seele, mit der Beziehung von Leben und Tod. Der Mensch ist für sie immer auf der Suche nach Heilung. Funktion und Dysfunktion des Organismus beschäftigen sie, Elektrokardiographien und Blindenschrift setzt sie in ihren Arbeiten fort, schafft ein eigenes Alphabet, eine eigene Grammatik. Erinnerung und Empfindung fließen in diese Sprache ein, mit der sie sich eindringlich mitteilt und der Welt einprägt.

Statement der Künstlerin

Ich arbeite mit Notationen, Zeichen, Linien, grafischen Prozessen, Körper, Blindheit, Kreisen und lickfeldern.
Ich arbeite hauptsächlich mit Schwarz und Weiß als Experimentierfeld.
Ich arbeite mit Papier als Material, als mehrdimensionale, durchschreitbare Fläche.

Mich interessiert an der Kunst das, was die Kunst mit dem Unbewussten, mit der Medizin und dem Heiligen, Unantastbaren gemeinsam hat. Meine künstlerische Suche forscht in den Abgründen des Bewusstseins, den Momenten, an denen das Bewusstsein sich vergisst. Diese Themen waren Bestandteil meiner Abschlussarbeit, die ich 2002 an der Sorbonne in Paris schrieb. Im Rahmen dieser Arbeit studierte ich Literatur zum Thema Schreiben (als Inschrift), Kunst (als Spur) und  Psychoanalyse. In dieser Zeit entstanden meine ersten Kunstwerke, Fotografien und Installationen, im Umfeld der Pariser Krankenhäuser. Dort interessierte mich am menschlichen Körper besonders das Unvollkommene.

In seiner Evolution ist der Mensch für mich ein Wesen, das immer auf der Suche nach Heilung ist. Im Zentrum meiner künstlerischen Arbeit steht dieses Konzept des ewigen Versuchs, der Zeit und der Wiederholung, der Permanenz des Prozesses um die Existenz eine symbolische Formulierung zu geben. Der Begriff bzw. das Konzept der Prothese, als künstlerischer Ersatz für etwas nicht mehr Funktionstüchtiges, war zu Beginn meiner Arbeit sehr präsent. Meine ersten Werke waren Kompositionen mit Körpern und Objekten, die eine „Wiedervereinigung“ – teilweise notdürftig – eines zerstörten menschlichen Körpers darstellten.

Mit den Jahren hat sich dieser Zusammenhang  zwischen „Körper“ und „Formulierung“ in eine persönliche, kohärente Handschrift verwandelt. Antrieb war der Versuch, jene Spur aufzufangen, die der Körper von seiner Existenz, seinem Leben, hinterlässt. Diese Schrift fand ihren Charakter durch das Studium und die Interpretation von Herzschlägen und ihrer Um- bzw. Niederschrift in Linien, in der Elektrokardiographie (EKG). Diese medizinischen Zeichen unseres Lebensprinzips als auch die von ihnen aufgezeichneten Impulse und Störungen wurden in meiner Arbeit zu Ideogrammen, Buchstaben, Klang-Bildern, zwischen einer visuell und akustisch wahrnehmbaren Wirklichkeit. Frequenz und Aufzeichnungen wurden umgesetzt in sichtbare Formen, geschriebene Werke, Linien und Striche, grafische Umsetzung von Rhythmus und Lebensimpulsen, als Darstellung der Funktion und Dysfunktion unseres Organismus.  Seitdem entwickelt und konzentriert sich meine Arbeit auf dieses enge Feld zwischen Normalität und Abnormität des Lebensprinzips: Es ist eine Erforschung der Zeichen, als wären sie ein Alphabeth, Erforschung der Kraft, die zwischen diesem Lebenszeichen und den flachen Linien besteht, welche in diesem Fall den Tod bedeuten. So wird diese Schrift zu einer kontinuierlichen Variation der Beziehung zwischen Leben und Tod.

In diesem menschlichen Sprach-Körper-Prozess wurde die Notation im Laufe meiner Arbeit als Sprachstruktur der Zeichnung in konkrete Schriftform umgesetzt. Später entwickelten sich in meinen „semantischen Bildern“ die Wörter, und ihre lexikalischen Felder in einem sinnlichen und grafischen Prozess zu Zeichnungen. Wortfelder und semantische Artikulation vervielfältigten sich auf dem Papier als Bildsprache.

Sowohl in meiner grafischen Arbeit als auch in meiner Performance hat sich dieses schriftliche Schaffen zu einer Art écriture automatique entwickelt, in einer Fortsetzung grafischer Prozesse. Zeichensystem, Klanggebilde, systematische Rhythmen, Kraftlinien und Sehfelder, konkrete Schriftformen, semantische Bilder, Body-Writing und Blind-Zeichnungen, alle diese Schreibakte werden zum lebenserhaltenden Text, zur Obsession, Erinnerung, Empfindung, zum intuitiven Akt. Sie bezeugen und transkribieren das Bedürfnis eines geschriebenen Prozesses als grundlegende Einprägung.

Seit den letzten Jahren arbeite ich parallel besonders mit Performances, bei denen ich mit den körperlichen Fähigkeiten, sich grafisch auszudrücken und Spuren zu hinterlassen, experimentiere. Dabei geht es darum, dass der Körper sich mit einer schriftlichen und wörtlichen Wahrnehmung auseinandersetzt. In meiner Performance Body-Writing II  werden „Zeichnen“ oder „Schreiben“ als Aktion innerhalb einer physischen Dynamik gezeigt: Lebensspuren, Spontaneität der Geste, Bewegungen werden als körperliche Schrift empfunden, als Grammatik des Körpers, im Zusammenhang mit dem Papier und dem Raum.

Zwischen Zeichen und Sprache, Spuren und der Fähigkeit (oder Unfähigkeit) sich zu formulieren, physischer Schrift, zwischen Artikulationsversuchen und Wörtern, wird der Körper zum „Bewegungsdiagramm“. In diesem momentanen und intuitiven Akt erzeugt er Spuren und Formen. Der Körper wird selbst zum Zeichen, er wirkt als ausgesprochenes Wort, er ist eine bedruckbare Fläche und schreibt sich selbst auf eine lange weiße Papierrolle, als grafischen Text, lebendiges Zeichen, ewige réécriture und ewigen Versuch, sich in die Welt einzuprägen.

Ich arbeite mit diesem puren minimalistischen Konzept und benutze dafür verschiedene Medien: Zeichnungen, Fotografie, Video, Ton und Performance. Ich würde meine gesamte Arbeit sowie ihre unterschiedlichen Umsetzungen  vor allem als Formulierungsversuch bezeichnen, als den Versuch, zu sein.